Sonntag, 22. Mai 2011

Rennsteig Supermarathon- 72,7 km Emotionen, Kampf und Selbsterkenntnis


Teil 1: Vom Beginn bis zu Kilometer 42.
Das Leiden beginnt- oder-

Man kann den Rennsteig Supermarathon auch ohne Vorbereitung laufen-empfehlenswert ist es eher nicht :-)


2.25 Uhr. Welcher normale mitteleuropäische Mensch steht um diese Uhrzeit auf, wenn er nicht gerade Bäcker etc. ist? Das ist doch keine Uhrzeit! Noch dazu wenn dieser erst 4 Stunden vorher ins Bett ging und dann eine Stunde Schafe und sonstiges Getier zählte, bis er endlich einschlief. Das kann doch nicht normal sein-ist es auch nicht-es ist super. Eben Supermarathon.
Liegenbleiben ist nicht, denn um 3.30 fährt der Bus in Schmiedefeld Richtung Eisenach ab. Mit oder ohne mich. Die Gedanken schweifen kurz an den Abend zuvor als wir mit einigen Forums-Leidesgenossen aus dem Runnersworldforum in Schmiedefeld Essen waren. Wir beide waren die einzigen "Newbies", alle anderen hatten zumindest einmal schon teilgenommen. Natürlich wurde gefachsimpelt und einige Anekdoten zum besten gegeben, aber leider war dieser Abend viel zu schnell vorbei. Verständlich wenn man die Weckzeiten betrachtet :-)
Also machte ich mich mitten in der Nacht fertig, frühstückte, rieb mich mit dick mit Vaseline ein, weckte dann Pia. Sie musste mich nach Schmiedefeld fahren. Unsere (übrigens sehr schöne ) Ferienwohnung befand sich in Manebach und das ist ca. 14km entfernt. Kaum dort angekommen, liefen mir auch die beiden Runningfreaks Melanie und Steffen über den Weg. Wir kennen uns ja schon eine zeitlang und es ist immer eine Freude diese beiden "Lauf-Verrückten" zu treffen. Eine kurze Begegnung mit Pia die nun wieder zurückfuhr und sich noch ein paar Stunden hinlegen konnte. Aber ich bin mir sicher, sie wäre lieber den Hm hier gelaufen!
und schon ging es ab in den Bus nach Eisenach, dem Startpunkt des SM.
Gegen 5.00 Uhr erreichten wir den Ort und laute Rockmusik begrüßte uns. Geschlafen hat dort keiner mehr ;-)
Ich holte meine Startunterlagen und konnte einige bekannte Gesichter vor dem Lauf treffen.
(Wobei so viele wie Melanie und Steffen werden es wohl nie werden-die kenne Gott und die Welt :-) )
Die zweite von links ist übrigens Ramona die ich endlich mal mal wieder treffen konnte.

Die Gedanken an die verkorkste Vorbereitung kamen mir wieder in den Sinn. In den letzten 5 Wochen gerade mal 2 Wochen gelaufen und als Krönung ein einiger Lauf über 25km in dieser Zeit-und der war letzten Montag, also 4 Tage zuvor. Eigentlich war das ganze Wahnsinn. Dazu noch diverse Wehwechen (linke Wade, rechter Knöchel, immer noch leichter Husten). Das k a n n nicht gut werden.
Allerdings bleib mir nicht viel Zeit zum Grübeln, denn es ging los !



Zuerst ein bisschen durch Eisenach
doch schon gleich danach ging es zur Sache. Ich wollte mit Melanie zusammen laufen. Erstens um mich zu motivieren und von ihrer Erfahrung zu profitieren und zweitens ist sie einfach ein lieber Mensch. Das ist Steffen zwar auch-aber zu schnell ;-)
Auch hinderte mich Melanie daran gleich am Anfang zu schnell die Berge hoch zu eilen-schließlich lagen noch gut 72km vor uns. 72km ???? Ich versuchte mir die Sache schön zu rechnen. Also...eigentlich sind ja nur die ersten 64 km schwer danach geht es ja bergab (wenn ich gewusst hätte!!) also sind 31km schon die Hälfte-und die schaffe ich bestimmt. Und wenn es hart kommt, könnte ich ja bei km 55 aussteigen (was ich aber eigentlich, wenn ich ehrlich bin nie ernsthaft in Betracht zog. Ich habe noch nie einen Wettkampf abbrechen müssen und jetzt damit anzufangen ist auch blöd)
Der Andrang war gewaltig. Wenn 2000 Läufer einen berg hoch wollen, wird das zwangsweise eher eng. Und so gingen wir, gerade an den steilen Passagen. Ist nicht viel langsamer, spart Kraft und die würden wir noch brauchen.
Das Bild ist etwas verwackelt-aber ich wackelte ja auch den Berg hoch ;-)
Hier traf ich übrigens auch "Laufmaus" Elke worüber ich mich herzlich freute!
Nach dem ersten Berg kam ein weiterer, dann noch einer und wieder einer. Eigentlich ging es nur bergauf wie man auch auf dem ersten Ausschnitt der Höhenkarte erkennen kann.

Zu meiner Verwunderung machten mir die ersten Kilometer überhaupt nichts aus.Allerdings nur die. Nach 12km trennten sich Melanie und ich - ich wollte auf dem Inselberg auf sie warten.
So langsam wurde es aber doch hart. bergauf, bergauf, bergauf, kaum eine flachere Passage. 15km waren geschafft-wann kommt denn dieser blöde Inselberg? Mit dem Kopf zu wissen, dass es noch 10km dauern würde und es mit dem Herz zu wissen, sind zwei Paar Schuhe.
Alle steileren Anstieg wurden nun gegangen, wie auch fast alle meine Mitläufer-hinten bei uns, der Schneckenabteilung ;-).
Die ersten Verpflegungstellen kamen und wurden reichlich genutzt. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich gestern so viel wie noch nie im Leben getrunken habe! Bei jedem Halt leerte ich min. 3 Becher . Ob Tee (gut aber etwas zu süß) Wasser (leider mit Kohlensäure), Cola oder Limonade-alles wurde reingeschüttet! Mit ein Grund war natürlich auch das warme, schwüle Wetter. Schon nach den ersten Kilometer war man nass-von innen.
Weiter ging es. Die 20km wurden erreicht. Schon bei km 18 habe ich 2:08:08 Stunden verbraten-so langsam war ich ja noch nie ! Bei meinem Bergrennen im Frühjahr braucht ich für die ersten 10km gerade mal 53 Minuten-und da war es steiler. Gut,aber dafür war der Berglauf nur 13km lang.
Als Ziel für den Inselberg hatte ich mir 3 Stunden gewünscht-das war nicht mehr zu schaffen. Aber ich war innerlich wirklich so weit, nur an das Ankommen zu denken. (und wenn möglich wenigstens unter 9 Stunden ;-) )
Endlich kam er in Sicht!
Dort war er, der erste wichtige Wegpunkt des Laufes. Von jetzt ab sollte es leichter werden. Welch frommer, verwegener Wunsch. Es wurde schlimmer, viel schlimmer. Bis hierher war es normal. Bis hierher reichte die Ausdauer. Was nun kommen sollte war schwerer, denn die Ausdauer war nun schon mehr als angekratzt. 3:10 Stunden habe ich ca. Gebraucht- so lange war ich dieses Jahr, glaube ich, noch gar nicht unterwegs gewesen. Ich wartete ein Zeitlang auf Melanie, doch sie kam nicht. Ich entschloss mich weiter zu laufen, denn ich wusste, dass sie so erfahren ist, dass sie genau weiß, welches Tempo sie am Anfang gehen muss und war mir sicher, dass sie mich später einholen würde.
Wenn man solch einen Berg erlaufen hat der immerhin über 900 Meter hoch ist und somit 700m höher liegt als der Start, wünscht man sich einen wunderbaren gleichmäßigen Abstieg denn man locker laufend genießen kann. Dem war leider nicht so.
Es ging steil bergab, teilweise richtig steil. Eine "Wohltat" für die vordere Oberschenkelmuskulatur. Man musste wirklich aufpassen nicht auszurutschen auf dem Asphalt. Auf 1,3km wurden ca. 200 Hm abgespult- also nichts mit Ausruhen.
Wir kamen auf der Grenzwiese an und knapp 27km waren geschafft. Hier einmal zwei Bilder die typische Verpflegungstellen zeigen:
Wo diese hier lag,weiß ich leider nicht mehr
An die nächsten Kilometer habe ich keine konkreten Erinnerungen. Sie kamen und gingen, ein ständiges Auf und Ab, aber ohne nennenswerte Steigungen. Aber ein Wort zur Natur. Der Rennsteig ist wirklich ein reiner Naturlauf! Kaum ein Stelle, wo man nicht umherschauen und die Natur genießen konnte (na ja wenn man noch Luft hat). Durchaus mit unserem Pfälzer Waldmarathon vergleichbar, allerdings mit einem Unterschied auf den ich noch später zurückkommen möchte. Ein Lauf der seine Berühmtheit und Beliebtheit absolut verdient hat. Auch die Verpflegung ist fast schon sprichwörtlich. So viel habe ich noch nie gesehen. Gut der Schleim ist Geschmackssache, aber auch sonst wurde sehr viel geboten. Über Obst und Stullen mit allerlei Belag bis zu Würstchen reichte die Palette.
Bis zum "Marathon", also den ersten 42km war es nun schon. Nach meiner Rechnung nun also gerade mal noch 22km-und dann ginge es ja bergab. Ich war vorsichtig optimistisch. Ob es am Sauerstoffmangel im Hirn (dieser wurde in den Beinen gebraucht) lag weiß ich nicht, aber es war so. 22km-pah ist doch ein Klacks ! Und dann kam mein Waterloo, der Punkt an dem ich fast allen Mut verlor.
An dem die ersten Krämpfe mich schüttelten und auch mein Kopf nicht mehr wollte.
An dem ich mir schwor nie wieder so unvorbereitet zu so einem verdammt schweren, langen, schönen, harten, Lauf zu gehen.
Am dem ich mich zum ersten Mal wirklich fragte, ob diese Entscheidung hier zu laufen wirklich richtig war.
Aber dazu morgen mehr. Ich kann zwar im Moment wieder richtig sitzen (auch dazu morgen mehr) und die Beine fühlen sich solange ich keine Treppen sehe, gut an, aber ich brauche eine kleine Pause-die Energiedepots müssen aufgefüllt werden. Aber morgen früh geht´s weiter. Versprochen.

Kommentare:

Gerd hat gesagt…

Du machst mir ja richtig Mut für's nächste Jahr! Die Anmeldung ist übrigens raus. ;-)
Da brauche ich noch ne Schippe an Training um das zu überstehen!

Petra hat gesagt…

Hi Martin,
bin schon ganz gespannt auf Teil 2 Deines Berichtes! Es war schön, dich zu treffen - aber ich bin Petra und nicht Ramona... :))
Aber kein Problem - Ramona ist ein Bild weiter unten zu sehen - abenfalls in rennsteiggrün... :)
Viele liebe Grüße und erhol dich gut!
Petra

Jörg hat gesagt…

Du machst es ja spannend. Schade, dass wir uns nicht getroffen haben, obwohl wir am Start fast nebeneinander standen. Jedenfalls bin ich auf deinem Video.

Grüße

Jörg

Martin hat gesagt…

@Gerd:
Glaube mir, das ist eine gute Idee. Ich werde mich beim nächsten Mal vieeeel besser vorbereiten.
@Petra:
Meinte ich doch ;.) Sorry, richtige Person gemeint aber Namen verwechselt.
@Jörg:
Ich meinte auch kurz dich gesehen zu haben, wurde aber abgelenkt. Standest du am Anfng eher weiter weg vom Brunnen?

Marco hat gesagt…

Schöne Bilder, sehr schön beschriebener und geschriebener Bericht. Das macht Böcke auf mehr am morgigen Tag. :-)
Ich hoffe mal es ghet dir wieder etwas besser, du hast ja schon angedeutet das es ein Hartes Brett für dich gewesen ist. Ging mir letztes Jahr bei der TorTour de Ruhr (100 KM) ähnlich. Ohne ein gewisses Training sollte man sowas nicht machen. Das geht meistens nach hinten los. Aber nun ja wir sind halt Kämpfer die auch durch sowas gehen. ;-)
Aber ganz ehrlich... mehr als 2.000 Starter bei einen Naturlauf sind nicht mein Ding. Ist mir viel zu voll und hat nichts mit dem eigentlichen Spirit mehr zu tun. Mich wird diese Veranstaltung in dieser Form nicht sehen. Aber der Rennsteig ist ja ein ausgeschilderter Wanderweg den man auch abseits dieses Events laufen kann.

Gute Erholung
LG
MArco

Blumenmond hat gesagt…

Da spürt man ja die Qualen schon fast körperlich, ohne dass Du bist jetzt übers Schlimmste geschrieben hast. Bin gespannt, wie es weiter geht und den Respekt hatte ich ja schon zum Ausdruck gebracht.

lizzy hat gesagt…

Du hast also dieser Höllenstrecke tatsächlich gezeigt, was 'ne Harke ist.

sehr beeindruckte Glückwünsche dazu

von Lizzy

Angelika hat gesagt…

WOW - Glückwunsch zu Deiner Leistung - Du hast es geschafft und da kannst Du stolz drauf sein. Wie Du selbst sagst "WAHNSINN"! Trotz der Pausen und dem eingeschränkten Training - das nenne ich Läuferherz :-) Erhole Dich gut und lasse Dir nicht so viel Zeit mit Teil 2

Evchen hat gesagt…

Oha. Daß es hart werden wird, hat wohl niemand bezweifelt. Aber jetzt mach hinne mit dem weiteren Teil des Berichtes. Mein Puls ist bei dauer hoch, bis ich weiß, wie es weiter geht. Stark, mein Lieber!

steffen.kohler hat gesagt…

So, auch hier, ganz kurz, in der Erwartung von Teil 2, HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zu deinem GEILEN FINISH!!

Großes, ganz großes Kino Martin, und danke, dass wir uns mal wieder gesehen haben! Ist immer klasse mir euch!!

LG
Steffen

Gabi hat gesagt…

Hallo Martin,

Chapeau! Ich ziehe den Hut vor dir. Du bist ein echtes Tier.
Jetzt hoffe ich nur für dich, dass deine Schmerzen bald nachlassen.

Liebe Grüße
Gabi

Pienznaeschen hat gesagt…

Klicke sofort Teil 2 an ... spannend ...